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Samstag 14. Juli 2012

Sterbeforschung Kübler-Ross übertragen auf technische Zivilisation

Vor einiger Zeit fand ich eine beeindruckende Übertragung der Sterbeforschung von Elisabeth Kübler-Ross auf das Sterben der technischen Zivilisation.

Unsere Gesellschaft gleicht einem Todkranken. Menschen können sich das Totsein auch nicht vorstellen, und doch wissen sie recht gut, dass sie sterben müssen. Wie also stellen wir Menschen uns diesem Dilemma? Elisabeth Kübler-Ross hat ihr Leben der Sterbeforschung gewidmet. Dabei wollte sie vor allem wissen, wie Menschen mit dem Wissen des nahen Todes umgehen. Sie unterschied fünf Stadien, welche die Menschen dabei durchlaufen. Diese sind: Nichtwahrhabenwollen, Zorn, Verhandeln, Depression und schließlich Akzeptanz.

Nehmen wir den Fall eines Krebspatienten. Am Anfang steht also die Diagnose des Arztes, die ihm sagt, er sei sterbenskrank. Auch wenn die Person innerlich wissen mag, dass diese Diagnose richtig ist (was natürlich nicht immer der Fall sein muss), so will sie zu Anfang davon nichts wissen. Sie ignoriert sie oder erklärt sie für unzutreffend. Der Kranke geht zu allerlei Ärzten, nur um sich bestätigen zu lassen, dass die Beschwerden nur Anzeichen einer harmlosen oder zumindest heilbaren Erkrankung sind. Wenn der Kranke sie schließlich anerkennt, wandelt sich seine Stimmung in Zorn gegen alle die, denen es anscheinend gut oder besser geht. Daran schließt sich eine sehr kurze Phase des Verhandelns an. Der Kranke versucht in einem Anflug von regressivem Verhalten, seiner Krankheit durch gewisse Selbstverpflichtungen oder Zugeständnisse zu entkommen oder wenigsten Zeit zu gewinnen. Er wird gewissermaßen einen Ablasshandel betreiben, mit dem er sich Besserung erkaufen will. Ist er reich, wird er zum Beispiel heimlich versprechen eine Krebsstiftung ins Leben rufen und hofft insgeheim, er werde dann doch noch gesund. Solcher Art Handel werden meist im Stillen mit Gott gemacht. Dies mündet, da vergeblich, in eine Depression. Denn es macht sich die Einsicht breit, dass alles Bitten und Betteln nicht hilft. Der Kranke beginnt, sich mit seiner Lage voll und ganz auseinanderzusetzen.
Dieser schonungslose Blick auf die Lage ist voll mit Enttäuschungen. Dies lässt den Kranken verzweifeln. Doch ist dies nicht das letzte Stadium. Am Ende steht nämlich die Akzeptanz. Der Kampf ist irgendwann vorbei, und der Kranke erwartet gefasst sein Schicksal. Dabei ist dieses letzte Stadium in der Regel frei von Emotionen.

Diese Stadien sind angebracht, wenn wir die innere Wandlung beschreiben, welche die Menschheit angesichts der Erkenntnis durchmacht, dass die Tage des Wohlstandes gezählt sind.

[…]

Die Parallelen zwischen einem Individuum und einer Gesellschaft mögen nicht exakt sein, sind aber doch frappierend. Die Kämpfe, die Frau Kübler-Ross beschreibt, kann ich jedenfalls sehr gut in der gegenwärtigen Debatte wiederfinden. Dabei schicke ich voraus, was sie selber in ihrem Buch schreibt, nämlich, dass die Stadien nicht unbedingt streng linear aufeinander folgen. Auch in Phasen der Depression kann es immer wieder zu Momenten kommen, wo der Patient seine Krankheit leugnet, oder es kommt zu Zornesausbrüchen. Genau das gleiche finden wir in unserer Gesellschaft. Auch wenn sich in der Gesamtschau eine Abfolge erkennen lässt, sind die Menschen unterschiedlich durchdrungen von dem Wandel und so mag sich einem zunächst einmal eher der Eindruck eines großen Durcheinanders von Stimmungen bieten. Das aber erscheint mir im Großen betrachtet nicht im Widerspruch zu einer langfristigen Entwicklung in diesen fünf Stadien zu stehen. Schauen wir also genauer hin.

Die technische Zivilisation ist sterbenskrank, so viel ist, denke ich, gewiss. Unsere Kassandra von Weizsäcker oder auch von Ditfurth haben ihr die Diagnose vor einigen Jahrzehnten überbracht. Auch unsere Gesellschaften sind existenziell bedroht. Jahrzehntelang herrschte aber das Nichtwahrhabenwollen vor, obwohl diese Diagnose der Menschheit noch viele Male überbracht worden ist und mittlerweile eigentlich nicht mehr zu übersehen ist. Immer wieder wurden aber zahlreiche positive Nachrichten ins Feld geführt, die zeigen sollen, dass alles im Lot ist. Und gewiss erschien es den meisten angesichts des sichtbaren Wohlstandes schlicht undenkbar, dass noch binnen ihrer Lebensfrist damit Schluss sein sollte.

[…]

Die weltweiten Proteste in Ägypten, Israel, Spanien, England und schließlich den USA, sind Ausdruck dieses Zorns. Es muss dabei nicht immer explizit die Weltkrise im Vordergrund stehen, immer jedoch ist es ein Kampf der Jungen und der nicht Etablierten gegen die Machteliten. Eine solche Konstellation ist zwar nicht neu; neu aber ist die weltgeschichtliche Konstellation. Die da protestieren, werden das Leben der anderen nie führen können, nicht einmal, wenn alle einverstanden sind. Die eingeklagten Verbesserungen können nur noch in bescheidenem Maße wirklich erreicht werden. Es ist vorbei. Interessant nimmt sich hier die dritte Phase aus, welche momentan in vollem Gange ist. An allen Ecken wird versucht, dem Schicksal durch saubere Projekte zu entkommen. Es werden Klimazertifikate gehandelt, Häuser gedämmt, Windräder gebaut, Solarstrom eingespeist und allenthalben hört man jetzt von Nachhaltigkeit.

[…]

Das erste Stadium erscheint daher fast überwunden. Niemand bezweifelt mehr ernsthaft, dass es schlimm um uns steht. Und damit betreten die meisten das Stadium des Zorns. Denn diese Einsicht befeuert wie schon gesagt den Zorn auf die Eliten. Man möchte meinen, dieser Zorn sei ein anderer, wie der eines todkranken Menchen. Denn der kranke Mensch kann nichts für seine Krankheit, während die Eliten durchaus etwas für ihre Lage können. Aber so berechtigt der Zorn auf sie ist, es ist nicht fair, ihnen unserem massenhaften Konsum vorzuwerfen. Oder wurden wir alle dazu reihenweise gezwungen, Auto zu fahren und in ferne Länder zu reisen? Durften wir denn den Supermarkt nicht verlassen, ohne vorher Himbeeren aus Chile gekauft zu haben, oder war es nicht doch unser eigener Wunsch? Sind wir alle so weit gesunken, dass wir insgeheim zugeben, die Manipulation unserer Konsumwünsche sei stärker als all unsere moralische Unabhängigkeit? Haben etwa die Konzerne das Märchen vom Schlaraffenland erfunden? Nichts von dem ist wahr. Der Wunsch nach einem westlichen Leben in materiellen Reichtum findet sich auch dort, wo die Werbung und die Konzerne nicht so einfach hingelangen. Natürlich geben sie sich alle Mühe uns zu beeinflussen, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es uns auf Kosten der Umwelt und der Natur gut haben gehen lassen.

Die Gesellschaft ist an einigen Stellen aber bereits über dieses zweite Stadium hinweg. Inzwischen setzt sie bereits auf erneuerbare Energien und Nachhaltigkeitsstrategien. Ehrgeizige Ziele werden formuliert und in Mammutkonferenzen verhandelt. Auch wenn all das für sich genommen richtig ist, erscheint es im Angesicht des Zusammenbruchs eher als der Ablasshandel im dritten Stadium denn als eine konstruktive Strategie im Umgang mit der Zerstörung. Wir kaufen uns vor Gott und der Umwelt frei, indem wir ab jetzt ganz sauber sind. Wir versprechen hoch und heilig, dass wir in zehn oder zwanzig Jahren jedes einzelne Haus auf Passivhausstandard gebracht haben, oder dass Flugzeuge nur noch mit Algensprit fliegen werden. Und damit hoffen wir, die große Krise werde schon nicht kommen. Als wenn Versprechen schon alleine helfen würden. Aber auch wenn wir es wirklich ernst meinen, ist die Aufgabe schlicht eine Nummer zu groß. Dass mit der großen Wende hin zur
Nachhaltigkeit etwas nicht stimmen kann, hat neulich John Weber ganz eindrücklich beschrieben. Für ihn ist dies die Fortsetzung des fossilen Projektes mit anderen Mitteln. Was dafür spricht, ist die Tatsache, dass fast alle diese neuen Erzeugungstechniken mit dem Einsatz seltener Erden und anderer Hochtechnologie einhergeht, deren Sauberkeit oft fragwürdig ist.

[…]

Es wird also nicht lange gehen und der Ablasshandel wird von einer Depression weggespült werden, vermutlich schon im Jahr 2012. Die Depression wird dabei sowohl finanzieller wie (kollektiv) psychischer Art sein. Mit dem Wegbrechen der Finanzmärkte und der Wirtschaftsordnung werden auch viele Optionen schwinden, die man sich in den Jahren zurechtgelegt hat. Energierevolutionen, Umstellung auf saubere Technologien und so weiter — für all das werden die Menschen keine Aufmerksamkeit mehr finden, weil sie sich mit viel grundlegenderen Dingen befassen müssen, etwa, wo sie Arbeit oder Essen finden können.

[…]

Die Kämpfe gegen die Zerstörung werden abgelöst werden durch die Sorge um die Versorgung mit dem Nötigsten. In solchen Zeiten aber wird kein Platz mehr sein für moralische Appelle. Die Ziele werden niedriger gehängt und die Gesellschaft wird allenthalben kleinere Brötchen backen.

Und so wird das letzte Stadium der Gesellschaft die Akzeptanz sein, das Annehmen der Tatsache, dass an der Situation nichts mehr zu bewegen ist.

Zitiert aus: http://www.domokos-kracht.eu/marcus/demut.pdf
Seite 134ff.

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