Fragen an Konstantin

Newsletter Anmeldung

Anastasia-Bücher-Shop

Spenden

Wer diesen Blog unterstützen will, kann spenden:

Projekt Waldgartendorf e.V.
VR-Bank Bad Hersfeld
DE41532900000036101300
BIC: GENODE51BHE
Verwendungszweck: Spende

Archiv

Green Hosting mit Ökostrom und lokal erzeugtem Solarstrom!
Freitag 9. September 2022

minimale Gruppengröße für autarkes Leben

Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit den Themen Autarkie und Selbstversorgung. Ganz kurz formuliert kann man dies bezeichnen als: „Versorgung aus eigenen Ressourcen“. Etwas ausführlicher bezeichnet: „Autarkie ist die wirtschaftliche Unabhängigkeit eines Privathaushalts, einer Region oder eines Staates durch die vollständige oder teilweise Selbstversorgung mit Gütern und Dienstleistungen.“

Dieses Thema interessiert immer mehr Menschen, insbesondere sobald die Abhängigkeit von Lieferanten als nicht zufriedenstellend empfunden wird. Dies wird gefördert durch hohe Preise bei den Lieferanten (aktuell z.B.: Benzin, Diesel, Gas), durch mangelnde Qualität des Angebotes (z.B.: Gifte in Lebensmitteln) oder durch die Sorge, daß die Lieferung ausbleibt (z.B.: Strom-Blackout).

Die Anastasia-Bücher, in denen beschrieben ist, daß eine Familie einen Hektar Land brauche, um davon leben zu können, begünstigen die Sehnsucht nach autarkem Leben. Auch die Bücher mit dem Thema Permakultur fördern die Vorstellung von autarkem Leben.

Öfters bekomme ich Anfragen an Menschen, die gerne autark leben wollen – am besten in einer Selbstversorger-Gemeinschaft.

So sehr ich das Bestreben der Menschen wertschätze, so unrealistisch sind oft die Ansichten. Öfters wird mit ‚Selbstversorgung‘ nur die Nahrung gemeint. Sicher ist die Versorgung mit qualitativen, regionalen und frischen Lebensmitteln sehr wertvoll. Menschen brauchen jedoch weit weit weit weit weit mehr als nur etwas zu essen.

Wenn sich Einzelne oder kleine Grüppchen von ‚Aussteigern‘ irgendwo in die Pampa zurück ziehen um autark leben zu wollen entstehen quasi automatisch physische Schwierigkeiten und im geistigen Bereich extreme Ansichten.

Als Autarkie wird nämlich nicht nur verstanden, alles herstellen zu können was man braucht, sondern auch, mit dem zufrieden zu sein, was man herstellen kann. Wenn die Gruppengröße jedoch klein ist, dann kann man nur wenig herstellen, und muß extrem bescheiden leben. Eine Gruppe von ideologisch fest verankerten Erwachsenen kann dies eine Zeit lang umsetzen. Spätestens jedoch, wenn Nachwuchs gedeiht, ändert sich die Lage. Denn Kinder wollen die Welt auch kennenlernen und selber herausfinden, was ihnen gefällt.

Es ist mehr als üblich, das die Nachfahren von Öko-Landkommunen und anderen Aussteigerprojekten das nicht weiterführen was die Eltern aufgebaut haben. Damit ist offensichtlich, daß kleine Autarkie-Projekte nicht nachhaltig sind und es nicht einmal sein können.

Daher ist es auch verständlich, wenn in der Presse (Frankfurter Rundschau vor ein paar Tagen) gewarnt wird vor „Aussteiger-Projekten mit abgeschotteten sozialen Räumen, die Radikalisierungsprozesse befördern können.“ (Dies trifft meiner Ansicht nach mehr auf Ghettos in Städten zu als auf Land-Projekte) Allerdings kann ich bei Journalisten leider nicht erkennen, daß sie neutral und sachlich von sogenannten ‚Aussteigern‘ berichten wollen, es womöglich gar nicht können. Deshalb machen sie eher Stimmungsmache gegen das was ihnen fremd ist.

Wie groß muss nun eine Gruppe sein, die autark leben will OHNE ins Extreme, Ideologische, Radikale abzudriften?

Meine Antwort mag überraschen:
Ich schätze die minimale Gruppengröße auf 1 Million Menschen!

Sicher ist es anzustreben, daß der einzelne Mensch, die einzelne Familie, ein Dorf, bei einem Zusammenbruch der üblichen Versorgung einige Wochen oder Monate ‚durchkommt‘. Doch das reine Überleben sollte nicht die alleinige langfristige Ausrichtung sein.

Wenn man nur bedenkt, daß es zum Bau einer simplen Hütte viele Bretter und Schrauben braucht dann kann man schnell erkennen, daß es für den Einzelnen fast unmöglich ist Bretter und Schrauben einfach so im Garten herzustellen (oder gar zu ernten). Ein Sägewerk, das Bretter herstellen kann, braucht wiederum weitere Zulieferer, beispielsweise Sägebänder und Strom. Auch sind Waldarbeiter nötig, die die Baumstämme liefern. Die wiederum benutzen Motorsägen und Rückewerkzeuge, die wiederum brauchen… (Ja, man kann auch mit der Axt Bäume fällen, doch auch eine Axt wächst nicht als Frucht an einem Baum…).

Um Schrauben herzustellen braucht es Metallgewinnung und Verarbeitung – und im längeren Zeithorizont auch Ausbildungsstätten sowie Ausbilder für Metallurgie (Verfahren zur Gewinnung und Verarbeitung von Metallen).

usw. usw. usw.

Selbst in einem „Selbstversorgerdorf“ mit 300 Menschen ist eine komplette und dauerhafte Selbstversorgung alleine schon mit Brettern und Schrauben nicht möglich. Das ist insofern nicht schlimm – außer man hat sich mit extremen ideologischen Gedanken so ein Ziel vorgenommen.

Was wirklich sinnvoll ist, kann man leicht beschreiben:

1.) Die Güter, die viel Gewicht auf die Waage bringen und noch dazu häufig gebraucht werden, beispielsweise Wasser und Grundnahrungsmittel, sollten möglichst kurze Wege zurück legen weil der Transport gewichtiger Güter viel Aufwand erfordert.

2.) Bei den häufig gebrauchten Gütern ist eine nah gelegene Selbstversorgung im Bereich von 80% vorteilhaft. So eine Quote hält den gesamten Transportaufwand gering und erlaubt gleichzeitig eine große Vielfalt im Angebot.

3.) Als Gruppengröße für eine 99%ige Autarkie möge man sich auf eine  Region mit 1 Million Menschen ausrichten. Das bedeutet, man versucht nicht alles selber zu machen (was eh nicht geht), sondern man strebt danach ein wertvolles Mitglied der 1-Million-Mitmenschen-Region zu sein in der man lebt, ein Angebot für die 1-Million-Mitmenschen der Region zu bieten und mit dem zufrieden zu sein, was man in der 1-Million-Mitmenschen-Region bekommen kann.

***

Wer sich tiefer mit Gruppengrößen und insbesondere auch mit Architektur und Siedlungsplanung beschäftigen will, kann dieses Buch lesen:
„Eine Muster-Sprache“ von Hermann Czech, Christopher Alexander, Löcker Verlag (zuerst erschienen 1977)
Darin wird beispielsweise auf Seite 11 im Kapitel ‚Unabhängige Regionen‘ von 2 bis 10 Millionen Menschen geschrieben und empfohlen diese Größe nicht zu überschreiben damit die Menschen noch einen direkten Bezug zur Verwaltung und Regierung haben können.

1 comment to minimale Gruppengröße für autarkes Leben

  • Avatar Felix der Glückliche

    Vielen Dank für diesen wertvollen Denkanstoß, lieber Konstantin!!!
    Ich teile deine Ansichten, möchte allerdings folgendes präzisieren:
    Die Anzahl an Menschen, die es für eine vollständige Autarkie braucht, ist abhängig von den Bedürfnissen und dem Bewusstsein der Menschen, welche dieser Gruppe angehören.
    Wenn man gerne Computer, Autos, Flugzeuge und moderne Medizin in seinem Leben haben möchte, dann dürfte die Anzahl von einer Million Menschen nicht ausreichen. Wenn man so wenig braucht, wie Anastasia und auch ein solches Bewusstsein hat, dann kann man auch alleine vollkommen autark sein.

    Ich würde mal sagen, dass wir als „moderne Europäer“, selbst wenn wir vergleichsweise bewusst und bescheiden leben (also ohne Computer, Auto, Flugzeug und moderne Medizin), dann bräuchten wir tatsächlich dennoch eine Gesellschaft von Tausenden und Zehntausenden Menschen, um eine vollständige Autarkie zu erreichen und über Generationen aufrecht zu erhalten. Allerdings ist das im heutigen Europa nicht möglich.
    Den realistischsten Ansatz für den Aufbau einer solchen neuen autarken Gesellschaft sehe ich in Sibirien, östlich des Jenissei. Dort, in einem Gebiet von der Größe Österreichs lebt bereits ein Großteil der 50.000 Einwohner mehr oder weniger in Selbstversorgung mit Nahrung aus ihren Gärten und mit eigenen Brunnen. Dort siedelte sich mit der Gemeinschaft Vissarions die größte spirituelle Selbstversorgergemeinschaft der Welt an (etwa 3000 Mitglieder) und lädt nun alle friedliebenden schöpferischen Menschen ein, in dieses Gebiet zu ziehen, um eine neue internationale Gesellschaft aufzubauen. Sie nennen das den Weltfriedenspol. Millionen Menschen aus der ganzen Welt können dort hinziehen und unabhängig von ihrer geistigen Ausrichtung und gemeinsam im praktischen Tun eine neue Gesellschaft aufbauen. Dabei werden die Menschen lernen, trotz unterschiedlicher Vorstellungen miteinander in Frieden zu leben. Die Schule der Einigkeit der Menschheit durch das Leben selbst.

    *****
    Lieber Felix,
    selbst Anastasia lebt nicht völlig autark und könnte es auch nicht. Zum einen wurde sie begleitet von ihren Eltern (solange diese lebten), dann von ihrem Großvater sowie Urgroßvater (solange dieser lebte). Darüber hinaus brauchte sie die Begegnung mit Vladimir um schwanger zu werden und Nachwuchs zu bekommen. Auch benutzt sie (gelegentlich) übliche Kleider und auch Gummistiefel. Sicher könnte eine Gruppe mit einem Bewusstsein ähnlich dem von Anastasia sowie einer Lebensgewohnheit wie sie deutlich kleiner sein als eine Million Menschen um autark zu leben.
    Ich stimme zu, daß eine Million Menschen nicht ausreichen dürften für eine Gesellschaft wenn sie auch Flugzeuge und Computer haben will. Es ist jedoch die Frage ob man das Thema Autarkie so eng sieht, daß man nichts von dem hat was es außerhalb der Gruppe gibt oder ob man solches nicht braucht um zu leben.
    Auf jeden Fall sehe ich die Gruppengröße von 3000 (Gemeinschaft Vissarions) als deutlich zu klein an für eine dauerhafte autarke Gesellschaft. Womöglich kann so eine Gruppe viele Jahre autark (über)leben, aber eben nicht ewig.

    Dazu führe ich eine simple Berechnung bei: Angenommen jeder Mensch der Gemeinschaft wird 100 Jahre alt und jedes Alter ist gleichmäßig verteilt vorhanden. Dann gibt es bei einer Gruppengröße von 3000 Menschen jährlich 30 Geburten und 30 Todesfälle.
    Und, viel bedeutender für die Autarkie, man hat pro Jahrgang 30 Menschen. Bei gleichmäßiger Verteilung männlich/weiblich hat es daher pro Jahrgang 15 Menschen des anderen Geschlechts für die Partnerwahl. Wenn man akzeptiert, daß der Partner ein wenig anders im Alter sein kann als man selbst, dann sind es bei einer Bandbreite von 10 Jahren immerhin 150 Menschen, die zur Auswahl stehen.

    Ich finde 15 bis 150 Menschen als potentielle Partner als deutlich zu wenig. Bei einer Gruppengröße von 1 Million Menschen hat es immerhin 10.000 Menschen pro Jahrgang und 5.000 Menschen im gleichen Jahrgang und dem anderen Geschlecht. Bei einer Bandbreite von 10 Jahren sind das 50.000 Menschen innerhalb der man (hoffentlich) jemand passendes findet.

    So weit ich gehört habe von kleineren Sippen der Ureinwohner, beispielsweise im Regenwald, war das alltägliche Leben zwar „autark“, aber zur Partnersuche ging es raus aus der Sippe in andere Gefilde. Und das ist gut so. Nur sollte man diese Basis der Ewigkeit berücksichtigen wenn man an Autarkie denkt.

    Viele Grüße
    Konstantin

Kommentar schreiben (wird moderiert)