Konstantin Kirsch

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Dienstag 6. Juni 2017

Tingmöte 1992 – Sommerting 2017

Das zentrale Element des Sommertings ist der Redekreis mit Redestab. Täglich wird ein Redestab genutzt, die Aufmerksamkeit wird gestärkt und das Hören wird bewusster. Wir finden Vertrauen, mehr und mehr aus dem Herzen zu sprechen, über das, was wirklich im Innen bewegt. Derjenige mit dem Stab hat das Wort, darf aber auch inne halten, bis Herz und Hirn einig sind, welche Worte gesprochen gehören. Die Gedankengeschwindigkeit steigt, indem der Gedankenfluss nicht unterbrochen wird.

Es gibt nur ein paar Regeln, keine Hierarchie und kein vorgegebenes Thema.

Die Herzen werden sprechen, was sie zu sagen haben.

Ich habe diese Art des Tings vor Jahrzehnten in Skandinavien gelernt. Die Ting-Kultur ist dort über Jahrtausende erhalten geblieben. Im Lauf der Zeit haben sich die wenigen Regeln herausgeschält, die nötig sind, um die Energie im Ting möglichst hoch zu halten.

Neben den Redestabkreisen ist beim Ting auch Zeit und Raum für Einzelgespräche, Wanderungen, Essenzubereitung, Feiern und allem, was die Teilnehmer des Tings wünschen und erschaffen. Zentral ist: Sich Treffen, reden und hören. Spüren, wahrnehmen, Zeit haben für sich und andere.

 

Wie ich zum Ting kam:

Vor fünfundzwanzig Jahren begab ich mich auf eine Reise, die mein Inneres grundlegend ändern sollte.

Ich folgte einer Einladung zum „Nordiskt Tingmöte på Fösingsmåla“:   [möte = meeting (engl.) = Treffen (deutsch)]

tngmoete-1992-einladung

Mit dem Zug fuhr ich bis Puttgarden, dann Fähre, bis Kopenhagen geträmpt. Fähre nach Malmö, von dort bis Lund geträmpt.

Mit dem Fahrer, der mich bis nach Lund mitnahm kam ich in lebhafte Gespräche. Er bat mich dringlichst zu ihm in seine Wohnung zu kommen. Dort zeigte er mir ein Buch, dass ihm sehr am Herzen lag:

„A course in miracles“ von: Foundation for inner peace

Er meinte, dies sei passend für mich. Nun, das fand ich berührend, doch meine englischen Sprachkenntnisse reichten bei weitem nicht, um so ein Buch gut zu verstehen. Da meinte er, dann wäre ich vielleicht derjenige, der es organisieren sollte, dass dieses Buch in die deutsche Sprache übersetzt werden würde. Diese Vorstellung hat mich etwas überfordert. So habe ich mich bedankt und bin weiter meinen Weg gegangen, bzw. mit dem Zug bis Ronneby und von dort geträmpt bis zum Lagerplatz des Tingmöte.

[zwei Jahre später ist das Buch (ohne meine Unterstützung) in deutscher Übersetzung erschienen: „Ein Kurs in Wundern“]

Auf dem zwei Wochen langen Treffen lernte ich das Reden und Hören mit Gesprächsstab:

tingmoete-1992(Bild vom Tingmöte 1992)

Ich zitiere aus meinen damaligen Tagebuchaufzeichnungen:

Die Geschichte des Tingmöte hat nur wenige Grundregeln:
Ein Dauerfeuer als Mittelpunkt. Drumherum ein Kreis aus Menschen und ein Redestock, der in Sonnenrichtung im Kreis weitergegeben wird.
Diese minimalen Grundregeln reichen für ein Gemeinschaftsleben aus. Sehr wichtig ist der Respekt vor dem Redestock (engl.: talking stick), der das Symbol des Stammes (engl.: tribe) sein kann. Ich finde es viel schöner einen Holzstock als „Mittelpunkt“ zu haben als einen Menschen! Da der Stock von allen benutzt wird, ist die Gruppe das wichtigste, das es zu respektieren gilt. Nach der ersten möglichst schnellen Runde mit Name, Herkunft und Absicht ging der Stock in die zweite Runde und jede(r) konnte so lange wie gewünscht den Stock haben und reden, singen, tanzen und schweigen. Nur nach Aufforderung können die anderen Kreisteilnehmer mitmachen [z.B. beim Singen]. Wir haben gemerkt, daß das gemeinsame Schweigen manchmal mehr für die Gruppe bringt als dauerndes Reden und so haben wir den ‚talking stick‘ gelegentlich in ‚listening stick‘ umbenannt.

Nach einer kurzen Internetsuche fand ich sogar eine Reihe an Bildern von dem damaligen Treffen:
https://www.fripress.se/fosing/tingmote-92

Es waren geschätzt 70 bis 100 Menschen bei dem Treffen. Es waren überwiegend Teilnehmer aus Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland aber auch aus Deutschland, Schweiz und Spanien dabei. Im Kreis sprachen wir englisch. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Redekreis erinnern: Ich bekam Kopfschmerzen. Auf ungefähr 40 Beiträge wollte ich antworten, musste mir alles merken und doch war die Runde erst halb rum! Ich nahm einen Zettel und Stift und machte Notizen … Als der Stab endlich bei mir ankam, war der Zettel voll und die Runde seufzte, weil alle gesehen hatten, dass ich eine Liste schrieb. Doch es war erstaunlich: bis auf zwei Punkte waren alle Notizen schon gestrichen, weil andere Teilnehmer den Kommentar schon gegeben hatten, den ich sagen wollte. Die zwei verbliebenen Punkte waren von den direkten Vorrednern gesprochen. So spürte ich, dass es nicht so sehr darauf ankommt, dass ICH etwas sage, sondern, dass ES gesagt wird, egal von wem. Ich sprach aus, dass wenn ich jetzt genügend Vertrauen hätte, dann könnte ich gelassen den Stock weiter geben und warten, dass jemand anderes diese zwei Punkte beantwortet. Doch ich hatte noch nicht genügend Vertrauen in den Redestabkreis. So sagte ich, was ich sagen wollte und gab dann den Stab weiter.

Neben den oben zitierten Grundregeln lernte ich noch ein paar andere Regeln dazu:

Der Kreis endet mit einem schweigenden Kreis. Das bedeutet: Sobald der Stab eine Runde gedreht hat ohne eine einzige Mitteilung, ist der Kreis für dieses Mal beendet.

Der Redner kann den Stab vor sich hinlegen, um allen die Möglichkeit zu geben, direkt zu antworten. Dies sollte jedoch möglichst selten gemacht werden, weil dieses Verhalten den Fokus und die Konzentration sehr stört. Sobald der Stock wieder aufgerichtet wird, hat umgehend Ruhe zu sein! So kann der Stockträger einen entstehenden Tumult oder laute Debatten umgehend stoppen. Allerdings geht das nur, wenn der Stab als Regel respektiert wird. Für erwachsene Menschen, die respektvolles Verhalten gelernt haben, geht das leicht. Für Menschen, die beispielsweise gewohnt sind, Politiker nachzumachen beim dauernden „ins Wort fallen“, ist dies jedoch eine schwere Herausforderung.

Dieses erste Ting in meinem Leben hat mich zutiefst berührt und nachhaltig geformt. Es entstand die Vision, diese Art der Begegnung und des Austausches auch in Deutschland zu etablieren.

Auch hierzulande gab es vor langer Zeit Treffen mit der Bezeichnung Ting oder Thing.
siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Thing

Die damalige Thing-Kultur in Deutschland wird unter anderem als ‚Gerichtsversammlung‘ bezeichnet. Dadurch unterscheidet es sich stark von dem, was ich in Skandinavien unter dem Namen „Ting“ kennenlernte. Wir begegneten uns mit unseren Herzen. Deshalb schreibe ich auch Ting ohne ‚h‘.

Im Lauf der Jahre erlebte ich viele skandinavische Tings. Im Sommer trafen wir uns in Zelten, im Winter in Gebäuden. Die Gruppengröße variierte von knapp über 50 bis knapp unter 200. Angeblich beruht die nordische Tingkultur auf mehreren Jahrtausenden. Es soll seinerzeit auch eine Sonderregel gegeben haben für Vielredner: Man dürfe nur so lange reden wie man auf einem Bein stehen könne. Dokumentiert sei angeblich eine 13-stündige Rede auf einem Bein, dann erst wurde der Tingstaven (Ting-Stab) weitergegeben…

In Deutschland habe ich mittlerweile viele Redestabrunden erleben dürfen. Oft habe ich Redekreise angeregt, manchmal auch nur daran teilgenommen. Es ist sogar auch möglich, Redestabkreise zu zweit zu machen! Gerade für Paare in Beziehungskrisen kann das sehr berührend und erhellend sein.

Gerade in Gruppen, die den roten Weg gehen, also Resonanz zu den indigenen Bewohnern Nordamerikas spüren und diese Kultur leben, ist der Redestab weit verbreitet. Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Redestab

Schön ist auch der bei wikipedia weiterführende Link zu dieser Seite:
http://www.b22.de/innovat/redestabrunde.html
Insbesondere der dort genannte Punkt G, „Folgen“, ist so schön geschrieben, dass ich ihn hier zitere:

  1. keine „linkshirnigen“ konkreten Ergebnisse, vielmehr langfristige „Nachwirkungen“.
    1. Gefühl, daß sich wieder etwas bewegt (in mir selbst, in der Gruppe, in der Welt …)
    2. andere Teilnehmer innerhalb kürzester Zeit als Menschen in ihrer Ganzheit erleben, „der Mensch wird wieder zum Menschen“, auch ich selbst werde mir wieder menschlich!
    3. Vertrauen in das Leben und in die Menschheit, indem diese wieder als Prozeß erlebt werden
    4. in Organisationen: Herabsetzung von Fluktuation, innerer Kündigung, Gefühlen der Ausweglosigkeit bzw. des Ausgegrenztseins, Verminderung von Mobbing usw.
  2. man lernt „mit dem Herzen“ zu hören und zu sprechen
  3. Redestabrunden über längere Zeit geführt, ergeben ein wertvolles Feedback meiner Fähigkeiten, von anderen, aber auch allein von dem, was da auf einmal an Schätzen aus mir entströmt
  4. gegenseitige Empfehlungen treten an die Stelle von sterilen Zeugnissen (z.B. bei Rederunden als Fortbildung usw.)
  5. Freisetzung brachgelegener Potentiale.
    Beispiel: In der Runde geäußerte Wünsche (ich brauche unbedingt ein…) verselbständigen sich, und fast immer findet sich über jemanden in der Runde genau jener Gegenstand, der ungenutzt irgendwo herumstand.

 

Bei den Redekreisen, an denen ich teilnahm, habe ich oft deutliche Unterschiede kennengelernt zu dem, was ich in Skandinavien erlebte. Die Vielfalt der Redekreis-Regeln und Redekreis-Gewohnheiten ist beeindruckend! In all den Jahren habe ich viel beobachtet und ausprobiert. Als Ergebnis fand ich, dass es eine besonders wirksame Regel gibt, die ich als Auftakt empfehle: Der Kreis möge mit einer schweigenden Runde beginnen, also so, wie die Runde aufhört („Anfang und Ende sind eins“).

Ein Hinweis bezüglich „Regeln“, an die man sich als Teilnehmer zu halten hat. Dies kann als unfrei empfunden werden. Wenn man jedoch bedenkt, dass man die Regeln klären und darüber abstimmen kann, BEVOR man beginnt, ist es halb so schlimm. Es ist eher so, dass durch die Regeln erst Freiheit möglich wird. Man muss unterscheiden zwischen endlichen und unendlichen Spielen. Dazu gibt es ein schönes Buch von James P. Carse „Endliche und unendliche Spiele: Die Chancen des Lebens“.

Grob zusammengefasst: Ein endlicher Spieler spielt innerhalb gegebener Regeln. Ein endliches Spiel hat einen zeitlichen Anfang, ein zeitliches Ende und Regeln, die dazwischen gelten (zB Fussball-Spiel). Wer sich nicht an die Regeln hält, gilt als Spielverderber.
Ein Spieler des unendlichen Spiels hingegen spielt mit den Spielregeln, strebt nicht nach Gewinn/Verlust-Ergebnissen sondern strebt danach, dass die endlichen Regeln so geändert werden, dass die meisten Spieler Freude oder gemeinsamen Gewinn empfinden. (Beispiel: Die FIFA debattiert ZWISCHEN den Spielen ÜBER Änderung der Abseitsregeln.)

Daher sollen zu Beginn einer Redestabrunde alle Regeln mitgeteilt und erklärt werden. Änderungen können vor dem Start leicht beschlossen werden, nach dem Start eines Kreises werden die Regeln nicht geändert. Sollten die Regeln nicht funktionieren, wird abgebrochen und neu gestartet mit anderen Regeln. Dies wurde schon oft gemacht und so hat sich herausgeschält, was funktioniert und der Freude dienlich ist.

Bei einem Sommerting in Norwegen hatte ich am dritten Tag, also beim dritten Redekreis, ein ganz besonderes Erlebnis: Nachdem der Stab ein paar Runden gedreht hatte spürte ich plötzlich keinen Unterschied mehr zwischen demjenigen, der den Stab hält und spricht und mir. Es fühlte sich so an, als ob alle im Kreis den gleichen Herzschlag und ein und den selben Geist hatten. In mir entstand ein Gedanke und exakt gleichzeitig sprach der Redner genau dies. Der üblicherweise gefühlte Unterschied Ich-Du war weg. Es fühlte sich an wie ein Mega-Brain und Mega-Herz gleichzeitig.

In einem technischen Bild wirkte es auf mich so als ob ein Rechenzentrum (= Hirn) eine Aufgabe solange bearbeitet bis es heiß gelaufen, bzw. erschöpft ist. Dann gibt es die teilweise gelöste Aufgabe an das nächste Hirn (bzw. Rechenzentrum) weiter. Ich dachte an einen Supercomputer. In der mathematischen Welt gibt es für solche potentiell unendlichen Rückkopplungsschleifen den Fachbegriff Rekursion. In der Sportwelt kann man denken an Staffellauf und in der Kommunikation kann man an frühere Relaisstationen der Post denken an denen erschöpfte Pferde getauscht wurden.

Und doch ist ein Ting alles andere als etwas technisches. Es geht ja gerade nicht um das Lösen von mathematischen Problemen. Es geht mehr um individuelle Gefühle und Wahrnehmungen, es geht um das Mensch-Sein. Das kann man mit allen Facetten bei einem Ting erleben.

In den Anastasia Büchern gibt es mehrere Hinweise auf russische Volksversammlungen, Wetsche genannt:

Es gab im damaligen Russland keine Sklaverei. Es gab auch keine Aufteilung der Ländereien in kleine Fürstentümer, die sich ständig gegenseitig bekämpften. Das ganze alte Russland bestand aus schönen Familienlandsitzen. Alle wichtigen Entscheidungen wurden auf den Volksversammlungen, den Wetschen, getroffen.
Zitat aus: Band 7, Seite 151

Die Struktur der zu gründenden Partei muss dem Nowgoroder Wetsche in seiner frühen Phase ähneln. Alles Weitere wird jeder von euch später verstehen.
Zitat aus: Band 8.2, Seite 11

Als ‘Kapischtsche’ wurde damals ein Platz bezeichnet, an dem die Menschen aus der gesamten Umgebung regelmäßig einen großen Basar abhielten. Auf diese Weise konnten sie ihre eigenen Waren gegen andere eintauschen und sämtliche Haushaltsgegenstände, die ihnen noch fehlten, erwerben. Sie tauschten aber auch ihre Erfahrungen aus. Bei dieser Gelegenheit wurden Feste veranstaltet mit Spielen, bei denen die Menschen die Gelegenheit hatten, für sich einen Lebenspartner zu finden, der für sie vom Schicksal vorbestimmt war. Außerdem versammelten sich hier die Ältesten der verschiedenen Familien zu einem ‘Wetsche’, bei dem sie die ungeschriebenen Gesetze des Lebens für die Gemeinschaft verabschiedeten.
Zitat aus: Band 8.2, Seite 86

Siehe dazu auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Wetsche

Könnte es sein, dass eine Wetsche in seiner frühen Phase einem Ting-Redestabkreis ähnelte? Es würde mich nicht wundern.

Aus all meiner Erfahrung fasse ich die von mir empfohlenen Ting-Regeln zusammen:

  1. Eine Gruppe von mindestens zwei Menschen sitzt im Kreis um ein Feuer (ersatzweise Kerze).
  2. Wer den Stab hat, darf reden (oder schweigen oder singen, oder …). Alle anderen hören. Idealerweise steht der Redner (zu seinem Wort stehen).
  3. Mitteilungen über eigene Erlebnisse, Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle sind günstig. Wertungen, Kritik und Lob bezüglich anderen Menschen sollte im Herzen besonders sorgsam bedacht sein, wenn man es denn überhaupt aussprechen will. Wenn man schon etwas kritisieren will, ist die gleichzeitige Mitteilung eines eigenen besseren Vorschlags gewünscht.
  4. Zu Beginn des Tings werden die Regeln mitgeteilt und bei Bedarf erklärt. Der Redestab wird von einem Menschen zum nächsten im Sonnenlauf gegeben. Als Auftakt läuft der Stab eine Runde schweigend. Nach dieser Schweigerunde wandert der Stab im Kreis weiter, bis jemand spricht.
  5. Ein Redekreis endet, wenn der Stab nach dem letzten Beitrag eine gesamte Runde schweigend weitergegeben wurde. Der Teilnehmer direkt vor dem letzten Sprecher legt nach der Schweigerunde den Tingstab vor sich nieder. Die Teilnehmer stehen auf und halten sich im Kreis an den Händen. Damit ist der Tingkreis beendet.
  6. Der Tingkreis ist ein Raum der Herzen und des Vertrauens. Alles, was hier gehört und erlebt wird, wird vertraulich behandelt. Störungen von Außen sollten vermieden werden. Ton- und Filmaufzeichnungen sollten nicht stattfinden. (kein Handy, Smartphone, Tonband, Funkgerät, PC, Tablet, Digicam, Camcorder, Wearables etc.)
  7. Wer den Kreis verlassen möchte, wartet, bis der Stab zu ihm kommt und gibt ihn schweigend weiter. Erst dann verlässt er den Kreis.
  8. Wer zurück in den Kreis kommt, geht an die bisherige Stelle (keine Änderung der eigenen Position im Kreis), lässt den Stab einmal schweigend an sich vorüberziehen und spricht erst in der darauf folgenden Runde.
  9. Wenn eine Unterbrechung oder Pause zwingend nötig erscheint, kann der Redner den Stab waagerecht legen. Dann ist die Tingrunde unterbrochen und beginnt erst wieder, wenn der Redner den Stab wieder aufrecht stellt. Dies kann zur Klärung von Fragen oder Belangen, welche schnelle Lösungen erfordern, dienen. Während einer Pause sollten sich die Teilnehmer nicht in Einzelgesprächen über Tingthemen austauschen. (Solch eine Unterbrechung sollte nur selten geschehen! Diese Regel ist erst bei Gruppen ab 50 gelegentlich wertvoll.)

 

Ein Ting ist ein Liebesakt geistiger Art. Eine Begegnung der Pole. Ein Verschmelzen. Da gehört das Herz an oberste Stelle. Das Hören. Das Spüren. Das Einswerden.

Es ist vergleichbar mit dem alten asiatischen Symbol „Yoni-Lingam“
Eine Schale (Becken-weiblich) mit einem senkrechten Stab in der Mitte (Phallus-männlich)

Das Muster im Ting: Der Redner steht und hält den Stab aufrecht (männliches Phallus-Symbol). Der Redner spricht, begeistert die Hörer, ist Gebender. Geist als konzentrierte Information (Samen – Sperma) führt zur Befruchtung des Weiblichen – jedoch NUR wenn das Weibliche bereit ist, offen ist, empfänglich (hören kann). Dann wird das „Mann-Sein“ an den Neben-MANN gegeben (auch wenn sie ein Weib ist) und man selbst wird zum hörenden, empfangenden weiblichen, auch wenn man ein Mann ist.

So entsteht neben dem Mitteilen und Kennenlernen der Mitmenschen auch ein Mitteilen und Kennenlernen der eigenen inneren männlichen und weiblichen Anteile in einem selbst, denn jeder trägt beide Anteile in sich.

Symbolisch gesehen ergibt sich dieser Ablauf:

  • Jemand lädt zum Ting durch Worte, Gong oder Muschelhorn (geistiger Impuls = männlich)
  • Die Teilnehmer treffen sich im Kreis (rund = weiblich)
  • Der Einladende erklärt die Regeln und entzündet in der Mitte ein Feuer (Feuer = männlich)
  • Eine schweigende Runde (lauschen = empfangen = weiblich)
  • Der Stabhalter spricht (männlich)
  • Die Runde hört (weiblich)
  • Der Stab kreist im Sonnenlauf, alle anderen hören (männliche und weibliche Energien kreisen)
  • Eine schweigende Runde bildet den Abschluss (männlich und weiblich haben sich vereint und Ruhe gefunden)

 

Vielleicht findet sich eines Tages ein Dichter, der die Essenz des Tings verdichtet. Als Anregung mögen diese Zeilen dienen:

Halte den Stab aufrecht, sei Gott gleich und stehe zu Deinem Wort.
Lass den Stab der Sonne folgen und werde hörendes Geschöpf der Runde…

 

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